1. Was hat Sie auf die Idee gebracht, einen Film über die Folgen der Privatisierung zu machen?
Auf die Idee bin ich im Jahr 2002/2003 gekommen. Nach den Protesten gegen den G8 Gipfel in Genua hatte das Thema Globalisierung kurzzeitig
Konjunktur in den Medien. Doch in den meisten Fällen wurde das Thema nur über die westlichen Aktivisten der globalisierungskritischen
Bewegung erzählt und nicht aus der Sicht der wirklich Betroffenen. Das wollte ich ändern. Zugleich gab es da einen abstrakten Teilaspekt
der Globalisierung, der im öffentlichen Diskurs eigentlich überwiegend positiv gesehen wurde. In Zeiten knapper öffentlicher Kassen wurde
den Menschen Privatisierung als Allheilmittel für mehr Effizienz, günstigere Preise und mehr Wettbewerb angepriesen. Und das, obwohl es
besonders im Bereich der öffentlichen Dienste viele Negativbeispiele gab. Ich wollte dieses abstrakte und scheinbar langweilige Thema, das
uns ja alle betrifft, für den Kinobesucher konkret und verständlich machen und gleichzeitig eine eindringliche Geschichte erzählen, die
eben nicht erklärende Fernsehdokumentation, sondern Kino ist.
2. Mit welchen Argumenten konnten Sie die Finanziers überzeugen?
Das war nicht einfach. Vor allem bei den Fernsehsendern gab es Zweifel, ob dieses Thema überhaupt jemanden interessieren würde. Es schien
vielen Redakteuren viel zu abstrakt. Ein Jahr nach den Protesten in Genua, Ende 2002, war man zudem der Meinung, man habe nun genug
berichtet, das Thema sei durch. Ein Redakteur hat mir tatsächlich gesagt: „Wir haben doch schon einen Film über Globalisierung gemacht. Da
brauchen wir doch nicht noch einen.“ Das muss man sich vorstellen. Er hätte genauso sagen können: „Wir haben schon einen Film über
Geschichte gemacht. Das reicht.“ Es gab aber glücklicherweise Ausnahmen. So hat die Filmstiftung NRW von Anfang an, an das Projekt
geglaubt und es gefördert. Und es gab wackere Redakteurinnen bei ARTE, WDR und dem Bayerischem Rundfunk, die für das Projekt gekämpft
haben und ohne deren Unterstützung der Film nie entstanden wäre.
3. Auf welche Herausforderungen sind Sie während der Dreharbeiten gestoßen? Wie verliefen die Dreharbeiten rund um den gesamten Globus?
Die Produktion des Filmes hat mich das ein oder andere Mal fast um den Verstand gebracht. Irgendwie haben wir im Film die Quadratur des
Kreises versucht. Wir wollten ganz bestimmte Geschichten von Menschen erzählen, die auf die eine oder andere Weise mit Privatisierung zu
kämpfen haben. Aber wir wollten sie rein dokumentarisch erzählen, d.h. nichts inszenieren oder nachstellen, wie dies oft in
Fernsehdokumentationen getan wird. Außerdem wollten wir immer auf einen Kommentar verzichten. All dies ist bei einem normalen
Dokumentarfilm schon schwierig genug. Bei einem Film über ein so abstraktes und kompliziertes Thema aber ist das fast unmöglich. Das
erklärt dann auch die lange Dreh- und Schnittzeit und die vielen Momente der Verzweiflung. Wir haben vier Jahre an dem Film gearbeitet.
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4. Wie haben sie das Vertrauen der Menschen gewinnen können?
Wenn man in den Slums von Manila oder in Soweto dreht, muss man einfach lange vorarbeiten, um das Vertrauen der Menschen dort zu gewinnen.
Das gelingt nicht, wenn man dort als ausländisches Filmteam auftritt, für das ein Produzent vor Ort alles vorbereitet und das dann nur
noch die Geschichte abdrehen muss. Doch als die Menschen hörten, dass wir einen Film über die Privatisierung ihrer täglichen Bedürfnisse,
also Wasser, Gesundheitsversorgung, öffentliche Verkehrsmittel, Strom und Bildung machen, haben sie sofort verstanden. In den Ländern, in
denen wir gedreht haben, weiß im Gegensatz zu uns jeder, was Privatisierung für ihn bedeutet. Die Politik der Weltbank, IWF und
Welthandelsorganisationen haben auf das Leben der Menschen oft einen größeren Einfluss als die jeweilige Regierung. Daher sind sie für
jede Marktfrau in den Anden oder in Soweto sofort ein Begriff. Die Menschen machen diese Institutionen nicht zu Unrecht für ihr Leid
verantwortlich.
5. Wie haben Sie die Protagonisten des Films gefunden und wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit ihnen?
Das war der wichtigste Schritt des Films. Der Schritt vom Abstrakten zum Konkreten. Nachdem ich nach langer Recherche vier
Privatisierungsfälle in vier Sektoren auf vier Kontinenten ausgesucht hatte, musste ich Menschen finden, deren Geschichten ich im Film
erzählen konnte. Menschen, die nicht nur passive Opfer sind, sondern die sich aktiv gegen Missstände wehren. Man arbeitet sich langsam von
internationalen Nichtregierungsorganisationen, die sich mit den Effekten der Privatisierung beschäftigen, zu nationalen und lokalen
Organisationen vor, bis man dann Kontakt zu den Gruppierungen oder Personen herstellen kann, die sich direkt im Slum mit der Not der
Menschen auseinandersetzen: Organisationen oder informelle Leader des Viertels, sehr oft Frauen.
Diese Menschen sind in der Regel sehr angesehen und stellten für uns auch einen gewissen Schutz dar. Sie sind die Eingangstür in eine
fremde Welt, in der du dich dann noch mal eine ganze Weile auf die Suche begibst. Man muss viel Zeit mit den Menschen verbringen und ihren
Geschichten zuhören. Das unterscheidet den Dokumentarfilm von Fernsehproduktionen. Irgendwann stehst Du dann vor einer Person, die
ausdrucksstark ist, eine gewisse Präsenz hat und dazu noch eine sehr starke Geschichte hat. Dann weißt Du intuitiv: die oder der ist es.
Meist haben wir weit mehr interessante Menschen kennen gelernt, als wir im Film unterbringen konnten.
6. Das Resümee des Films über die Folgen von Privatisierung zeigt überwiegend deren Nachteile. Wie objektiv ist diese Bilanz?
„There is no such thing as objectivity“. Jeder Dokumentarfilm, jeder Film ist subjektiv. DER GROSSE AUSVERKAUF sicher auch. Abgesehen
davon ging es uns nicht darum, eine ausführliche wissenschaftliche Diskussion über die Vor- und Nachteile der Privatisierung öffentlicher
Dienstleistungen zu führen. Das ist Sache wirtschaftswissenschaftlicher Studien. Sicher haben nicht alle Privatisierungen für alle
Beteiligten immer nur negative Auswirkungen gehabt. Uns ging es darum, in einem gesellschaftlichen Klima der Entsolidarisierung das
vermeintliche Allheilmittel Privatisierung zu entzaubern und als ideologisch motiviertes Dogma zu entlarven. Wer sich weiter informieren
will, dem empfehle ich den von Ernst Ullrich von Weizsäcker herausgegebenen und gerade erschienenen Bericht an den Club of Rome mit dem
Titel Die Grenzen der Privatisierung. Es ist die bisher umfangreichste Studie zu Privatisierungen weltweit. Auch diese Studie zieht eine
sehr kritische Bilanz.
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7. Ist Privatisierung Ihrer Ansicht nach überhaupt erfolgreich durchzuführen und welche Faktoren müssten dafür berücksichtigt werden?
Ich halte die Privatisierung von öffentlichen Dienstleistungen der Daseinsvorsorge wie z.B. Wasser, Gesundheit, Bussen und Bahnen, Bildung
und Strom grundsätzlich für ausgesprochen gefährlich. Oft picken sich private Firmen nur die Rosinen aus dem Kuchen heraus. Doch diese
Bereiche haben oft andere unrentable Bereiche quersubventioniert. In vielen Stadtwerken haben z.B. die Strom-, Gas- und Wasserwerke den an
sich unprofitablen ÖPNV subventioniert. Oder mit höheren Gebühren sind Sozialtarife für Bedürftige finanziert worden. Wenn die profitablen
Bereiche - und nur um die geht es den Konzernen - aus dem Gesamtkuchen herausgelöst werden, sind solche Quersubventionen nicht mehr
möglich.
Die meisten Bereiche, die in DER GROSSE AUSVERKAUF behandelt werden, sind so genannte natürliche Monopole, Bereiche, bei denen es
klassischerweise nur einen Anbieter gibt. Historisch gesehen gab es gute Gründe, diese Bereiche zu verstaatlichen. Niemand sollte ein
natürliches Monopol, wie z.B. die Wasserversorgung, auf Kosten der Allgemeinheit für den eigenen Profit ausnutzen dürfen. Private Monopole
sollten verhindert werden. Leider sind diese Gründe, die einst zur Verstaatlichung geführt haben, in Vergessenheit geraten.
Wenn sich eine Privatisierung absolut nicht vermeiden lässt, so sollten nach oben genannter Studie folgende Faktoren beachtet werden: Man
sollte nicht privatisieren, was der Staat gut oder ordentlich macht (in unseren Breitengraden z.B. Bahn, Wasserversorgung, Bildung etc.)
und man sollte nicht aus ideologischen Gründen privatisieren. Außerdem sollte man die demokratische Kontrolle über die Aufsichtsbehörden
sichern und die Allgemeinheit in die Lage versetzen, Privatisierungen notfalls auch wieder rückgängig machen zu können. Dafür braucht man
gute Regierungsstrukturen, Gesetze und Regeln.
8. Sie zeigen die Auswirkungen global. Sehen Sie Parallelen in Deutschland?
Natürlich. In allen Bereichen. Der Energiesektor ist bereits privatisiert. Vier Energiekonzerne beherrschen den Markt. Hier steigen die
Preise. Krankenhäuser sind bereits privatisiert worden und auch viele Wasserver- und Entsorger stehen vor der Privatisierung oder sind
bereits privatisiert. Und das deutlichste Beispiel: In Deutschland wird gerade über eine folgenschwere Privatisierung der Bahn diskutiert.
Jeder Passant, dem wir in England erzählt haben, worüber wir unseren Film drehen, hat uns gesagt: „Oh my god. It's a desaster. Do not ever
privatise your great railway in Germany. Learn from our experience. It's a mess.“ Wenn ich jedoch die Fernsehberichte zur Privatisierung
der deutschen Bahn verfolge, wird mit keinem Wort vom Beispiel Großbritannien gesprochen. Das Problem ist: Wir schauen nicht über unseren
Tellerrand und so können wir nicht von bereits gemachten Erfahrungen lernen. Es scheint mir manchmal, als lebten wir hier in Deutschland
unter einer Käseglocke. Ich hoffe, der Film kann einen Anstoß zu einer endlich zu führenden Diskussion geben.
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